(21) Kurt Tucholsky »Augen in der Großstadt«


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    Wenn du zur Arbeit gehst
    am frühen Morgen,
    wenn du am Bahnhof stehst
    mit deinen Sorgen:
    dann zeigt die Stadt
    dir asphaltglatt
    im Menschentrichter
    Millionen Gesichter:
    Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
    die Braue, Pupillen, die Lider –
    Was war das?
    Vielleicht dein Lebensglück…
    vorbei, verweht, nie wieder.

    Du gehst dein Leben lang
    auf tausend Straßen;
    du siehst auf deinem Gang,
    die dich vergaßen.
    Ein Auge winkt,
    die Seele klingt
    du hast’s gefunden,
    nur für Sekunden…
    Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
    die Braue, Pupillen, die Lider –
    Was war das?
    Kein Mensch dreht die Zeit zurück…
    Vorbei, verweht, nie wieder.

    Du mußt auf deinem Gang
    durch Städte wandern;
    siehst einen Pulsschlag lang
    den fremden Andern.
    Es kann ein Feind sein,
    es kann ein Freund sein,
    es kann im Kampfe dein
    Genosse sein.
    Es sieht hinüber
    und zieht vorüber …
    Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
    die Braue, Pupillen, die Lider –
    Was war das?
    Von der großen Menschheit ein Stück!
    Vorbei, verweht, nie wieder.


    Bild: Sonja Thomassen – Tucholsky und Lisa Matthias
    im schwedischen Läggesta, 1929

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