(42) Friedrich Nietzsche »Menschliches, Allzumenschliches«


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    Der starke, gute Charakter

    Die Gebundenheit der Ansichten,
    durch Gewöhnung zum Instinkt geworden,
    führt zu dem, was man Charakterstärke nennt.

    Wenn Jemand aus wenigen,
    aber immer aus den gleichen Motiven handelt,
    so erlangen seine Handlungen eine grosse Energie;
    stehen diese Handlungen im Einklange
    mit den Grundsätzen der gebundenen Geister,
    so werden sie anerkannt
    und erzeugen in Dem, der sie tut,
    die Empfindung des guten Gewissens.

    Wenige Motive,
    energisches Handeln
    und gutes Gewissen machen Das aus,
    was man Charakterstärke nennt.

    Dem Charakterstarken fehlt die Kenntnis
    der vielen Möglichkeiten und Richtungen des Handelns;
    sein Intellekt ist unfrei, gebunden,
    weil er ihm in einem gegebenen Falle
    vielleicht nur zwei Möglichkeiten zeigt;

    zwischen diesen muss er jetzt
    gemäss seiner ganzen Natur mit Notwendigkeit wählen,

    und er tut dies leicht und schnell,
    weil er nicht zwischen fünfzig Möglichkeiten zu wählen hat.

    Die erziehende Umgebung will jeden Menschen unfrei machen,
    indem sie ihm immer die geringste Zahl von Möglichkeiten
    vor Augen stellt.

    Das Individuum wird von seinen Erziehern behandelt,
    als ob es zwar etwas Neues sei,
    aber eine Wiederholung werden solle.

    Erscheint der Mensch zunächst als etwas Unbekanntes, nie Dagewesenes,
    so soll er zu etwas Bekanntem, Dagewesenem gemacht werden.

    Einen guten Charakter nennt man an einem Kinde
    das Sichtbarwerden der Gebundenheit durch das Dagewesene;
    indem das Kind sich auf die Seite der gebundenen Geister stellt,
    bekundet es zuerst seinen erwachsenen Gemeinsinn;
    auf der Grundlage dieses Gemeinsinns
    aber wird es später seinem Staate oder Stande nützlich.

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    Wert der Krankheit

    Der Mensch,
    der krank zu Bette liegt,
    kommt mitunter dahinter,
    dass er gewöhnlich an seinem Amte,
    Geschäfte oder an seiner Gesellschaft krank ist
    und durch sie jede Besonnenheit über sich verloren hat:
    er gewinnt diese Weisheit aus der Musse,
    zu welcher ihn seine Krankheit zwingt.

    Bild: Roger Noel
    Musik: Ulrike Theusner

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